Leseprobe aus    "EIN LEHRERLEBEN 2" 

(Helmut L. Schida ,           2020)

 


 
ERSCHEINT  DEMNÄCHST !  Doch schon jetzt gibt es ein paar kleine Textproben daraus ...



Meine erste Schullandwoche

Im Mai ging es dann tatsächlich los. Klassenvorstand der 1a war die junge Kollegin Ines, ich selbst führte damals die 1b, und der Direktor der Schule gab uns eine weitere ganz junge Lehrerin, Maria, mit. Die Anzahl der begleitenden Lehrpersonen errechnete sich aus der Schülerzahl, was in diesem Fall eben drei Begleitpersonen ergab. Die Leitung dieser Woche wurde mir übertragen, weil ich der älteste der drei teilnehmenden Lehrer war. Das konnte ja spannend werden – auch ich betrat mit so einer Woche völliges Neuland im Schulwesen.

Ich war schon damals für Disziplin, das hatte ich von meinen älteren Kollegen ja deutlich eingehämmert bekommen. Auch heute scheint das jedem vernünftig denkenden Menschen völlig klar, dass ohne sie jeder Gruppenzusammenhalt, jedes Lernen und Begreifen unmöglich werden. Das Verhalten der Masse der Jugendlichen heute liefert den Beweis dafür. Damals, das ist jetzt über 50 Jahre her, hatten wir mit Ordnung und Disziplin kaum Probleme – und die wenigen lösten wir rasch und schmerzlos. Anders geht’s eben nicht!

Die beiden Kolleginnen, die ich als Begleitung mitbekommen sollte, kannte ich schon vom Unterricht her ein wenig. Beide waren jung und dynamisch, was mir sehr gefiel und für eine reibungslose Woche auf dem Lande unabdingbar war.

Der Bus stand zur Abfahrt vor der Schule bereit, jedes Kind kam heute pünktlich mit einem Elternteil oder der Oma, die den Rucksack trug. Alles war gut vorbereitet, denn wir hatten Kinder und Eltern bei einem speziellen Elternabend auf das Bevorstehende gedrillt. Alle waren sie fröhlich gestimmt und natürlich sehr neugierig. Für viele sollte es ja der erste längere Aufenthalt fern von zu Hause und den Eltern werden. Als der Bus anfuhr, gab es dann doch noch ein paar Tränen, die der Fahrtwind und die Neugierde jedoch bald getrocknet hatte.

Bald nach unserer Ankunft in Seewiesen waren die Kinder an die neue Umgebung, ihre Zimmer und das Drumherum gewöhnt. Die Mädchen bezogen ihre Zimmer, die Buben waren im Trakt mit Blick zum Berg einquartiert. Gleich gab es Mittagessen, was den meisten gut schmeckte. Ein paar Nörgler gibt es ja immer. Dann wurde eine Stunde auf den Zimmern geruht, während ich mit den Wirtsleuten den Tagesablauf, die Hausordnung und Organisatorisches für die nächsten Tage besprach. Danach ging es hinaus auf die erste kleine Wanderung rund um die Unterkunft, zum nahen See und an den Waldrand – in der Absicht, die Kinder müde zu machen, damit sie dann am Abend Ruhe gaben und bald einschlafen sollten.

Die Aktivitäten an der frischen Luft, der steile Marsch zu einem nahen See, Ballspiele und Wettrennen sorgten dann tatsächlich für abendliche Müdigkeit und ruhiges, lehrerfreundliches Schlafverhalten. Nichts ist nerviger, wenn du als Lehrer halbe Nächte auf dem Gang verbringen musst, nur weil die Kinder in ihren Zimmern Krawall machen. Solches Verhalten gehört schon als Selbstschutz im Keim erstickt. Das taten wir drei Lehrer dann auch konsequent.

Nach dem Abendessen gab es Karten- und Brettspiele. Auch Tischtennis konnte im Keller spielt werden. Ein paar Kinder schrieben lieber Karten nach Hause, Briefe waren nicht erlaubt, da hätte ja alles mögliche drinstehen können. Die frankierten Karten landeten in einer Schachtel bei der Tür. Bevor sie zur Post gingen, lasen wir Lehrer sie natürlich durch. Sehr selten musste eine ausgesondert werden, wenn das betreffende Kind zu sehr über furchtbar schlechtes Essen oder gar zu böse Lehrer herzog. Das wurde beim Frühstück dann besprochen und die betreffenden Textstellen entsprechend geändert. Die Eltern sollten sich doch keine unnötigen Sorgen um das Wohl ihres Sprösslings machen. Und als dann in allen Kinderzimmern unser „Licht aus!“ brav befolgt wurde, hatten auch wir drei endlich Zeit für uns.

Wir besprachen die Ereignisse des Tages, stellten nach Einsicht in den Wetterbericht das Programm für den nächsten Tag zusammen, machten eine letzte Runde durch die Kinderzimmer und gingen dann selbst zu Bett.

Alles hatte sich gut eingespielt, wir unternahmen mit den beiden Klassen viel, wanderten jeden Tag ausgiebig und hatten daher auch reichlich Appetit. Schwierig wurde es erst, als der dritte Tag der Woche total verregnet war. Wir spielten im Haus, eine der Kolleginnen hielt sogar mit interessierten Kindern eine Lernstunde ab, im Keller wurde am Tischtennistisch ein „Ringerl“ nach dem anderen gespielt. So richtig müde wurde die Kinder davon aber nicht.

Nach dem Mittagessen führten wir eine Ruhestunde auf den Zimmern ein – so richtig ruhig wurde es aber nicht. Nach dem Abendessen hatte der Regen nachgelassen, so brachen wir noch zu einer kleinen Wanderung auf. Nichts allzu Anstrengendes, denn der Boden war sehr aufgeweicht,

Der Abend verlief dann nach dem schon gut eingespielten Muster, und um 22 Uhr wurde wieder das Licht in den Kinderzimmern gelöscht. Natürlich machte ich noch einen Rundgang durch die Bubenzimmer, während die Kolleginnen die Mädchenzimmer kontrollierten.

Plötzlich dringen laute und zornige Worte aus einem der Mädchenzimmer! Ines stürzt auf mich zu: „Helmut, komm schnell, die Helga aus deiner Klasse führt sich furchtbar auf, sie will vom Balkon springen!“

Ich eile zu dem genannten Zimmer, trete mit der Kollegin ein und sehe die Bescherung. Die kleine Helga sitzt auf dem Fußboden unter dem Fensterbrett und heult - Zwei ihrer Freundinnen sitzen schon bei ihr und versuchen sie zu trösten.

„Was ist passiert? Könnte ihr mir das sagen?“

„Die Helga will sich umbringen!“

„Wasss? Was ist geschehen? Sprich, Daniela!“

„Der Karli von der B-Klasse hat die Helga stehenlassen und geht jetzt mit der Alexandra. Und das kann die Helga nicht aushalten. Sie will aus dem Fenster springen!“

Die Mädels sind elf Jahre alt. Da kann so etwas schon einmal vorkommen. Die vier Bewohnerinnen dieses Zimmers sind alle aufgelöst und verzweifelt. Ich trete an die am Boden Sitzende, hebe sie vorsichtig hoch und schiebe sie hinaus auf den Gang. Ich lege ihr einen Arm um die zittrige Schulter und rede beruhigend auf sie ein. Langsam fängt sie sich, wischt sich die Tränen ab und stoßweise bricht es aus ihr heraus: „So ein gemeiner Kerl, der Karli. Ich hasse ihn und die Alex dazu!“ Es schüttelt sie richtig durch.

Wir gehen noch ein paarmal den Gang auf und ab. Helga hat keine Hausschuhe an den Füßen, daher führe ich sie langsam in ihr Zimmer, wo das Fenster schon vorsichtshalber von der Kollegin geschlossen wurde. Als alle vier Mädels in den Betten liegen, drehen wir das Licht ab.

„Gute Nacht! Und jetzt wird brav geschlafen. O.K?“

„Ja, Herr Klassenvorstand“, tönt es leise. Ich bleibe am Bett von Helga stehen, streiche ihr vorsichtig über den Kopf.

„Geht‘s wieder, Helga?“

„Ja, Herr Schida. Gute Nacht und danke!“ - „Schlaf auch gut!“

Ich lasse die Tür dieses Zimmers einen Spalt offen, sodass sich ein schmaler Lichtstreifen am Boden des Kinderzimmers abzeichnet. Wir werden diese Nacht noch ein paarmal hier vorbeischauen, bevor auch wir an Schlaf denken können.

Und beim Frühstück ist schon wieder alles in Ordnung und Helga lacht schon wieder, als sie sich das zweite Butterbrot streicht.

So geht die Woche ohne Verletzungen, ohne Krankheit und eigentlich recht unspektakulär zu Ende. Natürlich darf am letzten Abend die Abschiedsparty nicht fehlen. In Ermangelung eine Plattenspielers oder Kassettenrekorders spielt die aus mehreren Buben bestehende Knochensplitter-Band auf. Ist das ein Hallo! Es wird Krawall gemacht, mit allem, was man sich vorstellen kann. Töpfe, Deckel, Mundharmonika, einer bläst sogar auf dem Kamm. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Ich flüchte aus dem Keller hinauf zur Schank, wo ich mir ein kühles Bier vom Wirt einschenken lasse. Irgendwie geht auch diese Lärmeinlage zu Ende und alle gehen auf ihre Zimmer. Die letzte Nacht ist erfahrungsgemäß die schlimmste für uns Lehrer. Die Kinder wollen in ihren Zimmern natürlich noch weiter feiern, hier und da klingt schallendes Gelächter zu uns und wir müssen ab und zu eingreifen. Gegen Mitternacht ist dann aber wirklich Ruhe.

Am nächsten Morgen das letzte Frühstück, dann noch eine kleine Wanderung rund um den See. Im Ort werden noch kleine Anhänger, Plaketten oder Postkarten als Andenken gekauft. Heute gibt es das Mittagessen eine Stunde früher, denn dann kommt schon der Autobus, der uns wieder heim nach Wien fährt. Die Ankunftszeit bei der Schule muss eingehalten werden, denn viele Eltern und Großeltern warten schon vor der Schule auf uns. Dann sind wir tatsächlich pünktlich zu Hause, geben die Kinder in die Obhut ihrer Eltern, wechseln hier und da ein paar Worte und freuen uns stets, wenn wir mit einem „Habt ihr eh einen schönen Urlaub gehabt?“ empfangen werden. Manche Eltern glauben tatsächlich, eine Woche mit knapp 60 Zehn- oder Elfjährigen auf dem Lande käme für uns Lehrer einem Urlaub gleich. Dabei können sie selbst ihre ein bis zwei Kinder zu Hause nicht mehr im Zaum halten. Doch bald geht auch dieses Schuljahr wieder zu Ende, dann hat auch ein Lehrer wirklich mal Urlaub.


 

* * * * *




Wirklich auf Reisen - NYC

Dieses Jahr soll es auch ein echter Urlaub der Sonderklasse werden! Mit meinem Freund Werner, der mit meinem Sohn Robert schon in Griechenland war – man erinnere sich an die Sache mit dem Uzo - plane ich eine Reise quer durch die USA, rauf zu den Niagara-Fällen und im Süden wollen wir auch Mexiko einen rund einwöchigen Besuch abstatten.

Mitte Juli geht es nach detailgenauer Planung dann auch tatsächlich los. Nach einer Zwischenlandung in London überqueren wir den Atlantik und kommen ziemlich müde in New York am JFK-Flughafen an. In Europa habe ich schon einiges an Landschaft und Sehenswürdigkeiten gesehen, aber die Vereinigten Staaten sind da schon ganz anders aufgestellt. Allein die Ankunft und das Einreisezeremoniell danach sind schon bemerkenswert. Natürlich haben auch wir wie alle anderen im Flugzeug einen Zettel ausgefüllt und beim Kabinenpersonal unterschrieben abgegeben, von dem ich nur einige darauf zu beantwortenden Fragen wiedergebe. So steht hier etwa geschrieben:

Sind sie schon einmal in den USA verhaftet worden ? JA / NEIN
Gehören Sie einer terroristischen Gemeinschaft an ? JA / NEIN
Führen Sie Rauschgift oder eine Waffe mit sich ? JA / NEIN
Ist in Ihrer Familie ein Fall von Geisteskrankheit aufgetreten? JA / NEIN
So geht das über eine ganze Seite weiter.

Wenn nun ein Passagier im Flugzeug nur eine dieser Fragen mit JA beantwortet, nehme ich an, dass der Pilot am nächsten Flugplatz notlandet und der betreffende Fluggast für längere Zeit aus dem Verkehr gezogen wird.

Da dieser Fall bei unserem Flug nicht aufgetreten ist, dürfen wir uns in die Warteschlange bei einem der drei oder vier Immigartions-Officer einordnen. Die nun folgende Prozedur ist sehr zeitaufwändig, wird aber wohl ihren Sinn haben. Sie läuft ungefähr so ab:

„Was ist der Grund Ihres Aufenthaltes in den USA?“ - Urlaub und Rundreise.
„Haben Sie Verwandte oder Bekannte in den USA?“ - Nein.
„Wieso nicht?“ - Hmmm?
„Was führen Sie in dem Koffer mit? Machen Sie mal auf!“

Und jetzt wird es wirklich langweilig. Die Reise, von der ich hier berichte, habe ich in den Achtziger-Jahren durchgeführt. Damals gab es noch keine digitalen Fotoapparate. Ich hatte neben meiner Wäsche und dem üblichen Kulturbeutel eine Spiegelreflexkamera mit zwei Objektiven und viele Color-Diafilme mit dabei. Zur Erklärung für die Handy-Generation: Jeder 36er Kleinbildfilm war in einem Alu-Döschen verstaut und natürlich lichtempfindlich. So kommen wir zu Zoll- und Einwanderungskontrolle. Der nette, bis an die Zähne bewaffnete Officer – die Männer haben eine Mindestgröße von zwei Metern und sind dementsprechend auch muskelbepackt – mustert mich, stellt mir ein paar unbedenkliche Fragen zum Sinn meiner Einreise und schiebt mich weiter zum ebenfalls uniformierten Zöllner.

Der lässt mich natürlich meinen Koffer öffnen, entdeckt die etwa 30 Filmdöschen, die ich in Socken, Schuhe und andere weiche Sachen sorgsamst verstaut hatte, sehr eingehend und lässt mich nun eine Dose nach der anderen auspacken und aufschrauben. Dazwischen besieht er sich das kurze, herausragende Filmende, nickt kaum merklich und ich muss die nächste und jede weitere Dose ebenfalls öffnen. Ich komme ins Schwitzen und überhöre auch die unruhigen Zurufe meiner Mitreisenden, die weit hinter mir in der Schlange auf bessere Zeiten warten, nicht. Endlich hat der Zöllner alle Döscheninhalte inspiziert, deutet mir, mein Zeug wieder einzupacken und winkt den nächsten Delinquenten zu sich. Das Prozedere beginnt von vorne.

Aber auch diese Hürde nehmen Werner, der schon beim Ausgang die dritte Zigarette raucht, und ich bravourös und nach einer knappen Stunde chartern wir ein Taxi nach Manhatten. Wir haben von einem Bekannten die Adresse eines wirklich billigen Hotels bekommen, was für Manhatten eine echte Seltenheit ist. Sie lautet: YMCA, 47. Straße. Wir nehmen jeder ein Einzelzimmer, das ist hier so üblich, fahren mit dem Lift in den 10. Stock, Zimmer 1014 und 1018. Na gut. - Eben nicht gut!

Nur ein paar kurze Bemerkungen, warum wir von den Räumlichkeiten enttäuscht sind. Die Zimmer sind alle baugleich und auch recht klein. Das Stahlrohrbett steht an der rechten Wand, daneben kann man gerade bis zum Fenster gelangen. Dieses ist aber fest verschlossen und zur Hälfte von einer Klimaanlage mit lautem Ventilator verdeckt. Am Fußende es Bettes ein Tisch 60 mal 40 cm und ein einfacher Holzsessel. Aus! Keine Waschgelegenheit, kein WC, schon gar keine Dusche.

Das ist für uns natürlich ein Schock, aber wir sind todmüde, stellten den Koffer unters Bett und fallen sehr schnell trotz lärmender Klimaanlage und dauernden Gästestroms vor der Zimmertür in Tiefschlaf.

Am Morgen danach dann die nächste Überraschung. Es gibt pro Stockwerk einen großen Waschraum mit etwa sechs Duschen und ebenso vielen Waschbecken. Die Tür zu diesem Raum ist nicht verschließbar und es herrscht hier ab sechs Uhr ein ständiges Kommen und Gehen. Noch schlimmer ist es mit den Toiletten. In einem Raum sind etwa zehn Klomuscheln nebeneinander installiert, jeweils nur durch eine dünne Holzwand getrennt. Jede dieser Zellen kann durch eine eigene Schwingtür à la „Texassaloon“ betreten werden. So sieht man von den „Einsitzenden“ jeweils den Kopf und die Füße, daher erübrigt sich auch jeder Schließmechanismus an den Türen. Alles ist frei sichtbar, frei begehbar und auch gut durchlüftet – aber eben sehr gewöhnungsbedürftig. Um es kurz zu machen: Auf unserer ganzen Reise ist dies die mieseste Unterkunft.

Nach einer eher angedeuteten Morgentoilette nehmen wir ein Mietauto und beginnen durch New York zu fahren. Sofort fallen die gelben Taxis auf, die hier das Erscheinungsbild der Straßen dominieren. Die Stadt ist natürlich ein Erlebnis der Sonderklasse. Die Straßenschluchten, die durch die riesigen Hochhäuser gebildet werden, beeindrucken mich anfangs am meisten. Ich kann viel aus dem Auto fotografieren, denn Werner fährt uns sicher durch den dichten, stockenden Verkehr. Wir umrunden den Central-Park zwischen der 5. AV. und der Central Park West, wir fahren am Rockefeller Center entlang, kommen beim Empire State Building und an der New Yorker Börse vorbei. Und irgendwann wollen wir dann auch mal aussteigen. Das ist das nächste Problem! Kein Parkplatz weit und breit, nur ab und zu ein Parkhaus, das zum Einfahren einlädt. 4$40 für eine Stunde, steht auf dem Schild, das über mehrere Stockwerke der Fassade des Parkhauses hängt. Inzwischen sind wir schon in Harlem und haben noch immer keinen Parkplatz gefunden. Werner dreht um und fährt wieder Richtung Süden. In der Nähe des World Trade Centers beißen wir dann doch in den sauren Parkhaus-Apfel gehen zu den Zwillingstürmen und nehmen den Lift bis ganz hinauf. Der Aus- und Überblick über die Stadt, den Hafen und die Freiheitsstatue entschädigt für alles. Wenige Jahre nach unserem Besuch werden die beiden Türme des WTC nicht mehr stehen. Aber im Moment gibt es ja noch keine „Achse des Bösen“.

Doch lassen wird die Türme und ihre traurige Geschichte, die bis heute noch nicht restlos aufgeklärt ist - und es zu meinen Lebzeiten auch nicht werden wird – hinter uns, und besteigen an der Südspitze des Battery-Parks die Staten Island-Fähre, die uns in etwa 45 Minuten zur Freiheitsstatue bringt. Hier herrscht ein ähnliches Gedränge wie in Manhattan, aus dem wir gerade kommen. Alles drängt zu der weithin sichtbar im Hafenbecken stehenden Freiheitsstatue, dem weltberühmten Wahrzeichen, ein Geschenk der Franzosen aus dem Jahr 1886.

Schon als ich mich dem haushohen Sockel der Statue nähere, fällt mir die immens lange Menschenschlange auf. Es sind etwa 500 Leute, die alle ins Innere des Sockels und in die Statue streben. Ich gehe diese bunte und laute Schlange ab. Da fallen mir die in regelmäßigen Abständen in den Boden gerammte Holzschilde auf . Sie tragen die die Inschrift: eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden usw. Da wird mir klar: Jeder, der sich hier anstellt, sieht irgend eine dieser Tafeln in seiner Nähe. Würde ich mich jetzt einreihen, käme ich unmittelbar vor die 2-Stundentafel zu stehen, was schlicht und einfach die Wartezeit bis zum Eintritt in den Sockel der Statue bedeutet.

Werner ist auf die gleiche Deutung der Tafeln gekommen, was uns vom genaueren Besuch der Statue sofort abhält. Dafür umrunden wir die kleine Insel, wobei mir wirklich eindrucksvolle Bilder gelingen. Bei einem Kiosk, der den Blick zur Südspitze freigibt, essen und trinken wir eine Kleinigkeit, kaufen ein paar Ansichtskarten, die wir gleich an Ort und stelle schreiben. Nach rund zwei Stunden nehmen wir die Fähre, die uns wieder ans Festland zurück bringt.

Da noch genügend Zeit bleibt, werden wir dem Guggenheim-Museum einen Besuch abstatten. Wir stellen das Auto wieder in ein unverschämt Dollar fressendes Parkhaus am Central Park ab und betreten den hypermodernen Bau, der einer riesigen Wendeltreppe gleicht und vornehmlich abstrakte Kunst beherbergt. Mich interessieren mehr wie hier ebenfalls ausgestellten Werke der Impressionisten und Expressionisten. Hier haben wir Glück: Es ist Dienstag und heute ist der einzige Tag, an dem das Museum bis 20 Uhr geöffnet bleibt.

Die Nacht und den nächsten Morgen überspringe ich aus bereits bekannten Gründen: Schnell weg von dieser unmöglichen Unterkunft! Wir haben genug von New York City gesehen, daher fahren wir recht früh schon zum JFK-Flughafen, checken ein und warten darauf, dass unser Vogel in Richtung Niagara-Fälle abhebt.

 

* * * * *



Niagarafälle

Nach knapp zwei Stunden Flugzeit landen wir in Buffalo, das direkt am Erie-See liegt. Nach einer kurzen Taxifahrt kommen wir an den überwältigenden Niagara-Fällen an. Da unser gebuchtes Hotel in Kanada liegt, müssen wir noch über eine Brücke, an der auch der Grenzübertritt liegt. Seit unserer Ankunft in New York und dem Desaster mit meinen Filmdöschen, haben Werner und ich eine Wette laufen, wer wohl von uns beiden mehr von den Grenzbeamten in die Mangel genommen wird. Wir vermuten, dass Grenzer ja einen Grund dafür haben müssen, ob sie diesen oder jenen Reisenden genauer unter die Lupe nehmen. So kommen wir zu dem Schluss, dass das Aussehen oder der Menschentyp dafür den Ausschlag geben. Wer also eher einem Verbrecher ähnelt, müsste demnach auch öfter bei diesen genaueren Visitationen an die Reihe kommen. Im Moment führe ich diese Negativstatistik knapp an. Jetzt, an der Grenze zu Kanada, wird keiner von uns beiden aus der langen Reihe der Immigranten von den Beamten herausgepickt, aber es stehen noch mehrere Grenzübertritte während dieser Reise auf dem Programm.

Wir beziehen gleich unser Zimmer im Marriott Niagara Falls-Hotel und sind von Hotel, Aussicht und den Wasserfällen gleichermaßen beeindruckt. Deutlich erkennt man zwei Abschnitte der tosenden Wassermassen: die amerikanischen und die kanadischen Fälle. Während die US-Fälle niedriger und relativ unspektakulär rauschen, stürzt wesentlich mehr Wasser über die gebogene Abbruchkante des kanadischen Teils. Dieser ist auch um einige Meter höher.

Ich schieße rasch ein paar Fotos vom Balkon des Zimmers, dann hält uns nichts mehr im Hotel. Wir müssen raus, an die Kante der Fälle, in die Gischt, in den feinen Sprühregen der fast ununterbrochen im Sonnenlicht als perfekter, überdimensionaler Regenbogen erscheint.
An der Abbruchkante tummeln sich Hunderte von Touristen. Zur deutlichen Unterscheidung der Gruppen werden jeweils 30 bis 50 Personen in gleichfarbige Regenmäntel gesteckt. Ich sehe solche Menschenketten in Blau, Gelb und Rot. Eben steigt eine blaue Gruppe aus dem Boot „Maid of the Mist“, während eine andere in Gelb durch ein kleines Höhlenlabyrinth hinter einer der wuchtigen Kaskaden verschwindet. Ohne diese farbliche Kennzeichnung würde hier das perfekte Chaos ausbrechen.

Auf unserem Weg entlang der „Fall-Promenade“ fällt uns alsbald ein riesiger runder Turm, der sich nach oben zu verjüngt, auf. Der Skylon-Tower ist rund 160m hoch und an seiner Außenseite bringen drei Lifte in knapp einer Minute die Leute in die beiden oben in luftiger Höhe zylinderförmigen Restaurants mit Aussichtsplattform. Für uns ist es für eine Fahrt in die Höhe schon zu spät, daher planen die Besichtigung für morgen fix ein. Es ist schon recht dunkel, als Werner und ich an der Hotelbar bei einem Drink Platz nehmen. In der Ecke beim violetten Vorhang spielt ein Pianist gekonnt Barmusik. Diese, dazu matte Beleuchtung, der kühle Drink und ein paar vornehme Damen in langen Kleidern und hohen Stöckelschuhen versetzen mich nun erstmals in richtige Urlaubsstimmung, die sich die Tage über in New York nicht und nicht einstellen wollte.

Auch Werner geht es ähnlich, er ist ruhiger und gelassener als in Manhattan, und so besprechen wir das nächste Stück unserer Reiseroute. Wir bleiben noch ein paar Tage hier bei den Fällen, erst dann steht der Flug nach LA auf dem Programm. Wir ordern noch einen Drink, bevor wir hinauf in unser Zimmer fahren. Die Nachtruhe, die uns in New York so gefehlt hatte, ist hier wirklich toll. Wir lassen die Tür zum Balkon offen, leise rauschen die Fälle, ab und zu blinkt ein Stern am Himmel. Der Skylon Tower, den wir morgen auf unserer List haben, zeichnet sich deutlich gegen den Nachthimmel ab. Auch eine der drei großen, außen am Schaft laufenden Aufzugskabinen meine ich zu erkennen. Sie hebt sich leuchtend gelb vom Betongrau des Turmes ab. Mit einem müden „Gute Nacht“ verabschieden wir uns in Land der Träume.

Und in dieser Nacht träume ich wirklich einprägsam und furchterregend. Ich träume sonst fast nie, zumindest kann ich mich beim Aufwachen höchst selten an einen Traum erinnern. Aber dieser Traum in der ersten Nacht bei den Niagara-Fällen wird mir immer in Erinnerung bleiben. Ich sehe mich die gelbe Kabine des Aufzugs besteigen, bin bereits im Aufzug, da merke ich, dass ich der einzige Fahrgast bin. Wo ist Werner? Er war doch dicht hinter mir mit den beiden Fahrkarten. Auch kein Liftpersonal ist anwesend, was ich höchst seltsam finde. Doch die beiden Türhälften gleiten lautlos ineinander, ein sanfter Ruck, ich spüre, dass es aufwärts geht. Schnell und immer schneller. Ich halte mich an der umlaufenden gelben Griffleiste fest und kann dem Druck kaum mehr standhalten. Ich gehe in die Knie, sitze schon fast am Boden, da wird die rasante Auffahrt jäh gebremst. Ich atme zweimal kräftig durch und warte, dass sich die Tür endlich öffnet. Doch das verdammte Ding bleibt zu. Ich suche nach Knöpfen oder Schalter an der Kabinenwand. Nichts! Macht Klopfen oder Schreien Sinn? Ich kann mir die Antwort sparen. Es klickt metallisch, dann setzt sich die Kabine wieder in Bewegung – diesmal abwärts. Auch diese Fahrt wird schneller und schneller. Ist das schon freier Fall? Nach wenigen Sekunden schlägt die Kabine mit einem mörderischen Knall unten auf. Die Kabinendecke rast auf mich zu und stampft mich in den Boden. Mit einem Schrei wehre ich mich dagegen und werde keuchend munter.

Natürlich muss ich Werner die Geschichte beim Frühstück haarklein erzählen, was mir gar nicht leicht fällt, liegt doch der Zusammenhang mit dem, was wir uns für heute vorgenommen haben, klar auf der Hand. Natürlich schlägt Werner sofort ein Alternativprogramm vor, was ich vehement ablehne.

„Glaubst du etwa, dass ich mir wegen eines blöden Traumes diese einmalige Aussicht über die Fälle entgehen lasse?“ Aber so sicher bin ich mir da selbst gar nicht.

Nach dem Frühstück marschieren wir zum Fuß des Skylon Towers, wo sich schon etliche Schwindelfreie angestellt haben. Es ist kurz vor neun Uhr, es sollte also gleich losgehen. Die drei Außenkabinen, die uns Schaulustige 160m in die Höhe bringen sollen, haben aus der Nähe betrachtet enorme Ausmaße. Eine jede von ihnen fasst sicher 30 Personen, Ein Glockenzeichen ertönt, die Kabinentüren öffnen sich und …

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